Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken.
“Mein Angesicht soll gehen, und ich will dir Ruhe geben.“
2 Mos. 33, 14.
Moses begehrte, dass ihm der Weg gezeigt würde. Hier nun ist die Erwiderung darauf: der Weg wird ihm nicht gezeigt, aber etwas Besseres, als dieser; der Herr spricht: Mein Angesicht soll gehen! ich will dich leiten!
Trauernde Seele! höre die Stimme, die aus der Wolkensäule zu dir spricht. Jene Verheißung in der Wüste gibt der Gott Jakobs seinem geistlichen Israel bis auf diesen Tag. Wie von Alters her führt Er sein Volk, wie eine Herde Schafe, durch Mose und Aaron1), und will auch an dir kund werden lassen die nämliche Hirtenliebe. Mag der Weg, den Er uns leitet, auch noch so verschieden sein von dem Wege, den wir selbst erwählet haben würden so ist doch sicherlich die Wahl in ungleich bessern Händen. Wo wir nur Abwege sehen, da leitet uns seine Weisheit gerade rechten Ziele hin.
Kannst du wohl auf die bisherigen Führungen Gottes zurück blicken, ohne Ihm dafür zu danken und Ihn zu preisen? Wenn seine Schafe über die raueren Stellen in der Wüste hinziehen mussten, so war Er, der treue Hirte es, der selber vor ihnen herging2) und wenn ihre Vliese zerrissen und ihre Füße müde und wund geworden waren, so trug Er sie auf seinen Armen. Sein Angesicht hat. ihnen jedes Kreuz leicht und jeden Kummer süß gemacht. Drum, meine Seele, setze dein Vertrauen auf Ihn, wie ungewiss und wechselvoll die Zukunft auch sein mag! Ob Andere, an denen du mit Liebe hingest, dich täuschten und im Stiche gelassen haben so gibt's doch Einen, der besser als die Besten ist und voller Gnaden allenthalben in der Wolkensäule vor dir her geht. Wohlan denn! möge Er mir nehmen, was Ihm wohlgefällt, dennoch muss ich glücklich sein. Ich kann triumphieren über dem Verlust eines Erdenglücks, wenn ich mich der himmlischen Güter und des ewigen Erbes in dem Geber aller guten Gaben erfreuen kann. Ob Er's nicht für gut erachtet, diese und jene Weltgötzen vor mir aufzuräumen, auf dass Er, der Allgenugsame, mein Ein und Alles werde? Ob Er's nicht für gut befunden, mir meine Augenlust zu nehmen, dass ich mich hinfort nur weide an seinem Antlitz und umso brünstiger mit Mose beten möge: Wo nicht dein Angesicht geht, so führe uns nicht von dannen hinauf3)? Er will nicht, dass wir Hütten bauen auf Erden und darüber schreiben: Dies ist meine Ruhe4)! O nein! Diesseits ist Pilgrimzeit, jenseits Ruhe! Allein flüstert Er dir nicht zu: „Fürchte dich nicht!? ohne Freund, ohne Trost wirst du nicht sein auf deinem Wege!“ Pilger im Pilgerlande! mein Angesicht soll gehen, damit will ich dich geleiten in allen dunklen und trüben Tagen, in den Stunden der Ohnmacht und Niedergeschlagenheit, in Vereinsamung und Verlassenheit, im Leben und im Sterben. Dann aber, wenn du die Reise vollbracht und der Säule in der Wüste nicht mehr bedarfst, dann erfüllt Er sein Wort: Ich will dir Ruhe geben! Siehe, dann verwandelt sich der Ernst der Gnade in die Herrlichkeit des Schauens!
Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.